7. Februar 2017

Tränen am Montag

Montagmorgen Im Wartezimmer meiner Hausärztin. Ein paar Stühle neben mir sitzt eine Frau. Sie und ich wir sind die einzigen Wartenden im Raum. Ich bin froh darüber, denn ich möchte möglichst schnell wieder nach Hause zu meinem kranken Kind. Es ist still im Raum. Ich hänge meinen Gedanken nach, schaue geradeaus ins Nichts und nehme keinerlei Notiz von der Dame links neben mir. Dass sie mit ihrem Handy beschäftigt ist, schließe ich lediglich daraus, dass in regelmäßigen Abständen das Geräusch einer aufploppenden Nachricht die Stille unterbricht. Nach einer Weile geht  mir das Geräusch ihres Handys sogar ein wenig auf die Nerven und ich frage mich, ob sie gerade in ein Spiel vertieft ist und wenn ja, welches es wohl ist. Noch immer weiß ich nicht einmal, wie sie aussieht, denn ich habe noch keine Sekunde nach rechts oder links geschaut. 

Das sollte sich aber ändern.

„Ich kenne Sie zwar überhaupt nicht, aber ich möchte Ihnen unbedingt etwas zeigen“, sagt die Frau zu mir und steht von ihrem Stuhl auf. In diesem Moment erst bemerke ich, dass ihr ganzes Gesicht voller Tränen ist und einen kurzen Moment bin ich verwirrt, verunsichert und befürchte, dass sich vielleicht etwas Schlimmes ereignet hat… Die Frau verlässt jetzt ihren Platz und kommt  zu mir und dann bricht es aus ihr heraus: “ ich bin in diesem Moment Oma geworden, in dem wir hier gerade zusammen im Wartezimmer sitzen“. Und sie strahlt über das ganze Gesicht und sieht dabei so wunderschön aus. Mein Blick vermag sich gar nicht mehr zu  lösen von ihrem leuchtenden Gesicht. Sie zeigt mir die Bilder von diesem winzigkleinen Neuankömmling, der strahlenden Mama und dem stolzen Papa. Dieses kleine Baby. Fast noch ein bißchen blau. So neu. So schutzbedürftig. Die Freude der glücklichen Großmutter ergreift mich vollkommen. Wir umarmen uns. Ich gratuliere ihr. Wir weinen beide. Kurz darauf kommt die Sprechstundenhilfe herein und ihr fragender Blick verrät, dass auch sie ein wenig verwundert ist über die Situation, die sich ihr gerade bietet. Zwei weinende Frauen im Wartezimmer…“Heute ist alles ein bißchen verrückt!“ sagt sie später zu mir und holt die frischgebackenene Großmutter in das Behandlungszimmer ab. 

Ich bleibe noch eine Weile ganz alleine im Wartezimmer zurück. Meine Tränen rollen weiter übers Gesicht. Es ist, als hätte diese Frau irgendeinen Kanal geöffnet, den ich lange angestrengt zugestopft hatte. Ich weine. Weil ich traurig bin. Weil ich Grund dazu habe, traurig zu sein. Und ich weine, weil ich glücklich bin. Weil dieser Moment gerade so einzigartig war, so vollkommen. Ich weine, weil das Dunkle und das Helle immer so nah beieinander liegen. Und ich weine, weil es so gut tut zu weinen.

Die Magie dieses Augenblickes hüllt mich den ganzen restlichen Tag ein. Dieser kurze Moment macht mir so klar,  wie schön es sein kann, wenn wir einfach einmal ganz unerwartet unsere echten Gefühle zum Ausdruck bringen. Vielleicht an ungewöhnlichen Orten, vielleicht in Gegenwart wildfremder Menschen. Diese Frau hat mich an ihrer riesengroßen Freude und ihrem Glück teilhaben lassen. Und dafür danke ich ihr!  Während wir zusammen im Wartezimmer saßen, gebar Ihre Tochter am anderen Ende der Welt in Australien ihr erstes Baby. Was für ein Geschenk!

Nun ist der Montag fast schon vorbei. Ich habe einen kleinen Rasselball genäht und werde ihn morgen in die Praxis tragen und hoffen, dass der Ball von dort aus irgendwie in den Besitz der glücklichen Großmutter und später irgendwann in die Hände des kleinen Babys am anderen Ende der Welt gelangt…

Liebe Grüße und bis bald…!

  • Britta

Verlinkt bei: Creadienstag

 

 

12 Gedanken zu „Tränen am Montag

  1. Susanne

    Jetzt sitze ich hier mit Gänsehaut und Tränen in den Augen, bevor ich zum nachmittäglichen Chaos aufbreche. Danke fürs Teilen dieser schönen Geschichte. Der Ball ist toll! Wären wir nicht nur virtuell verbunden, dann würde ich dich drücken.
    Liebe Grüße aus Hessen! Susanne

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  2. Nicole

    Das hört sich so wundervoll an und es ist sooo lieb von dir, dass du die Hülle genäht hast!
    Dann drücken wir mal die Daumen, dass sie ihren Besitzer findet!

    Liebste Grüße,
    Nicole

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  3. Jessi

    Was für eine wundervolle Geschichte, da hab ich glatt selber Pipi in den Augen. Danke, dass du sie mit uns geteilt hast. Und deine Geste mit dem Rasselball finde ich auch ganz großartig :)

    Liebe Grüße,
    Jessi

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  4. Belleprairie

    Wie wunderbar! Ich bin gerührt und Ärger mich über mich selbst wie hastig man durchs Leben rennt ohne nach links und rechts zu gucken. Wie so ein doofer Hamster rennt man. Schnell noch hier und schnell noch da…
    Ein Segen dass es Momente gibt an denen man von außen gebremst wird, so wie du!

    Eigentlich hab ich was anderes eben geschrieben und durch eine Unaufmerksamkeit hab ich es gelöscht. 😖

    Aber ich weiß noch dass ich geschrieben hab, wie zauberhaft ich dich finde!!
    Lieben Gruß Nicole

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  5. Alizeti

    Wie ich bereits bei Instagram geschrieben habe, finde ich es eine wundervolle Geschichte. Eine mit so viel Herzenswärme und voller Leben.
    Ich hoffe jedoch für dich, dass du bald nicht mehr traurig sein musst. Aber manchmal ist weinen eben sehr befreiend!
    Ich drück dich lieb.
    Liebe Grüsse Alizeti

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  6. Bine

    Liebe Britta,
    Wer weint da nicht mit?
    Was für ein wundervoller Moment. Ich danke dir das du den mit uns geteilt hast. Ich danke dir auch für die Träne in meinen Augen die mich dran erinnert wie schnell die Zeit rennt.
    Hab eine besondere Woche.
    Sonnige Grüße
    Bine

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